Du musst nicht immer mehr leisten, um gut genug zu sein
Es ist 21:37 Uhr. Eigentlich wollte ich schon längst auf der Couch sitzen.
Die Küche ist fast aufgeräumt, für morgen müsste ich noch etwas vorbereiten und auf meinem Handy wartet eine Nachricht, auf die ich noch antworten wollte.
Nichts davon ist eigentlich dringend.
Trotzdem stehe ich wieder auf und erledige noch schnell die eine oder andere Sache.
Danach vielleicht noch eine.
Und plötzlich ist es wieder später geworden, ohne dass ich mir auch nur zehn Minuten Ruhe gegönnt habe.
Kennst du das?
Du hast den ganzen Tag gearbeitet, dich um andere gekümmert, Dinge organisiert und versucht, allem gerecht zu werden.
Eigentlich könntest du zufrieden sein.
Aber am Abend denkst du nicht an das, was du geschafft hast, sondern an das, was noch offen ist.
Wie kann es sein, dass wir so viel schaffen und uns trotzdem so oft fühlen, als wäre es nicht genug?
Wenn der Kopf einfach nicht Feierabend macht
Manchmal zeigt sich Perfektionismus in ganz unscheinbaren Momenten.
Du liest eine Nachricht dreimal durch, bevor du sie abschickst.
Wäsche, Kinder , Schule, Mittagessen kochen zwischendurch noch staubsaugen.
Nach einem Gespräch fällt dir ausgerechnet der eine Satz ein, den du lieber nicht gesagt hättest.
Bei der Arbeit bekommst du positives Feedback, aber dein eigener Blick bleibt an dem kleinen Fehler hängen.
Von außen sieht niemand, wie lange dich solche Kleinigkeiten beschäftigen.
Du machst weiter, erledigst deine Aufgaben und bist für andere da.
Doch innerlich läuft eine Liste mit all den Dingen, die du noch besser machen könntest.
Das Schwierige daran ist nicht, dass du dir Mühe gibst.
Es ist, dass du kaum noch bemerkst, wann deine Mühe ausreicht.
Denn irgendwann wird aus dem Wunsch, etwas gut zu machen, der Anspruch, nichts falsch machen zu dürfen.
Warum bin ich mit mir selbst so streng?
Wenn wir es bei Freunden oder anderen Menschen sehen, das sich sich verrückt machen, weil sie alles schaffen wollen, dann nehmen wir uns die Zeit sehr wohl dafür um Ihnen zuzuhören.
Wenn jemand erschöpft ist, raten wir ihm, sich auszuruhen.
Und wenn ein Mensch, den wir lieben, an sich zweifelt, erinnern wir ihn daran, was er alles kann.
Doch wenn es um uns selbst geht, gelten plötzlich andere Regeln.
- Dann hätten wir uns mehr anstrengen müssen.
- Hätten es besser wissen sollen.
- Hätten diesen Fehler vermeiden können.
Vielleicht haben wir irgendwann gelernt, dass es sicherer ist, alles richtig zu machen. Dass wir niemanden enttäuschen dürfen.
Dass wir lieber noch einmal kontrollieren, bevor etwas schiefgeht.
Hinter unserem Perfektionismus kann deshalb mehr stecken als der Wunsch, gute Arbeit zu leisten.
Vielleicht ist es auch die Angst, nicht zu genügen, nicht gut genug zu sein.
Wir möchten zuverlässig sein und zeigen, dass man sich auf uns verlassen kann.
Dabei vergessen wir manchmal, dass auch wir Menschen sind – mit begrenzter Energie, schlechten Tagen und Fehlern, die dazugehören.
Du musst nicht alles richtig machen, um ein Mensch zu sein, auf den man sich verlassen kann.
Das Gefühl, immer noch mehr leisten zu müssen
Kaum ist eine Aufgabe erledigt, wartet schon die nächste.
Kaum haben wir ein Ziel erreicht, setzen wir uns ein neues.
Und wenn wir endlich Zeit hätten, durchzuatmen, fällt uns etwas ein, das wir noch erledigen könnten.
Es ist, als würden wir uns die Erlaubnis zur Ruhe immer wieder selbst entziehen.
- Erst wenn alles fertig ist, darf ich entspannen.
- Erst wenn ich genug geleistet habe, darf ich zufrieden sein.
Aber wann ist alles fertig?
Der Alltag bringt immer neue Aufgaben mit sich.
Die Wäsche wartet, Termine kommen dazu und irgendetwas bleibt fast immer liegen.
Wenn ich meine Zufriedenheit davon abhängig mache, dass nichts mehr offen ist, verschiebe ich sie auf einen Zeitpunkt, der vielleicht nie kommt.
Und während ich darauf warte, dass endlich alles passt, geht mein Leben weiter.
Wie oft verschieben wir schöne Momente, weil wir vorher noch etwas erledigen wollen?
Wir trinken den Kaffee nebenbei, statt ihn in Ruhe zu genießen.
Wir sitzen mit der Familie am Tisch und denken bereits an das was noch gemacht gehört.
Wir liegen abends im Bett und gehen gedanklich noch einmal durch, was wir anders hätten machen können.
Der Körper ist längst zur Ruhe gekommen. Der Kopf arbeitet weiter.
Dabei sind es genau diese gewöhnlichen Momente, aus denen unser Leben besteht: ein Gespräch, bei dem wir wirklich zuhören, ein Abend, an dem wir lachen, oder ein freier Nachmittag, an dem nichts Besonderes passiert.
Ich möchte nicht irgendwann feststellen, dass ich so sehr damit beschäftigt war, alles richtig zu machen, dass ich kaum noch wahrgenommen habe, was eigentlich schön war.
Ich möchte meine Energie für das einsetzen, was mir wirklich wichtig ist, und selbst entscheiden können, wann etwas gut sein darf, wie es ist.
Was ich anders machen kann
Veränderung beginnt nicht unbedingt mit einer großen Entscheidung.
Oft beginnt sie in einem einzigen Moment, in dem wir bemerken, wie wir mit uns selbst umgehen.
- Wenn ich eine Aufgabe erledigt habe, kann ich bewusst wahrnehmen, was mir gelungen ist, statt sofort nach dem nächsten Fehler zu suchen.
- Wenn ich Feierabend mache, darf etwas liegen bleiben.
- Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil meine Zeit und meine Kraft Grenzen haben.
- Wenn mir ein Fehler passiert, kann ich mich fragen, was ich daraus lernen darf anstatt mich dafür zu verurteilen.
- Wenn ich merke, dass ich wieder alles kontrollieren will, kann ich kurz innehalten und mich fragen:
- Macht das Ergebnis dadurch wirklich besser – oder versuche ich gerade nur, jede Unsicherheit auszuschließen?
Nicht alles lässt sich planen.
Menschen können uns missverstehen, Pläne können sich ändern und
manchmal läuft etwas anders als gedacht.
Ich darf lernen, damit umzugehen, ohne vorher jede Möglichkeit durchdenken zu müssen.
Gut genug zuzulassen bedeutet nicht, nachlässig zu werden.
Es bedeutet, meine Energie bewusst einzusetzen und zwischen dem zu unterscheiden, was wirklich zählt, und dem, was ich aus Angst vor Fehlern immer weiter verbessern möchte.
Eine kleine Mentaltraining-Übung für deinen Alltag
Nimm dir heute Abend zwei Minuten Zeit.
Du brauchst nichts weiter als einen ruhigen Moment und die Bereitschaft,
ehrlich mit dir selbst zu sein.
Stelle dir diese drei Fragen:
1. Was habe ich heute gut gemacht?
Denke nicht nur an große Erfolge. Vielleicht hast du jemandem zugehört, eine schwierige Aufgabe bewältigt.
2. Was darf heute unvollkommen bleiben?
Überlege, welche Aufgabe warten darf, welchen Gedanken du loslassen möchtest oder wo du dir erlauben kannst, nicht noch mehr zu tun.
TOO-DOO Liste reduzieren!
3. Was würde ich mir jetzt sagen, wenn ich so verständnisvoll mit mir wäre wie mit einem Menschen, den ich liebe?
Vielleicht wäre es: „Wow das hast du toll gemacht!".
Du musst nicht alles schaffen.
Es ist in Ordnung, jetzt eine Pause zu machen.“
Lass diese Antwort einen Moment wirken.
Du musst nicht sofort anders fühlen oder denken. Es reicht, wenn du beginnst, dir selbst eine andere Perspektive anzubieten.
Denn auch der Umgang mit den eigenen Gedanken lässt sich Schritt für Schritt verändern.
Du darfst heute zufrieden sein
Aber ich kann lernen, das ich nicht immer 100 Prozent geben muss , nicht jeden kritischen Gedanken automatisch für die Wahrheit zu halten.
- Nur weil ich etwas hätte besser machen können, heißt das nicht, dass es schlecht war.
- Nur weil noch etwas offen ist, heißt das nicht, dass ich zu wenig getan habe.
- Und nur weil ich heute eine Pause brauche, heißt das nicht, dass ich weniger wert bin.
Vielleicht müssen wir gar nicht lernen, weniger aus unserem Leben zu machen.
Wir dürfen lernen, uns selbst dabei nicht ständig unter Druck zu setzen.
Ich möchte Zeit mit Menschen verbringen, die ich liebe, ohne gedanklich schon beim nächsten Termin zu sein.
Ich möchte abends zur Ruhe kommen, ohne meinen Tag wie eine Prüfung zu bewerten, die ich hätte besser bestehen müssen.
Denn mein Leben ist keine endlose Liste von Aufgaben, die ich fehlerfrei abarbeiten muss.
Es ist das Leben, das gerade stattfindet.
Mit unfertigen Dingen, falschen Entscheidungen, schönen Augenblicken und ganz gewöhnlichen Tagen.
Ich möchte nicht perfekt durchs Leben gehen. Ich möchte es erleben.
Vielleicht beginnt genau das in dem Moment, in dem ich heute Abend die letzte Aufgabe liegen lasse, mich auf die Couch setze und mir erlaube, zufrieden zu sein.
Nicht erst morgen. Nicht erst, wenn alles erledigt ist.
Sondern heute!
Eine Frage für dich:
Was würdest du heute gut sein lassen, wenn du dir nicht ständig beweisen müsstest, dass du noch mehr schaffen kannst?